![]() |
![]() |
Montag, 27. April 2009
20 Jahre Mauerfall
Hier kann man das Buch vorbestellen und mehr darüber erfahren:
Freitag, 24. April 2009
Strandgeschichte
Wem die Geschichte gefällt, findet mehr davon in meinem Buch "Die Füße der Sterne" (Patricia Koelle, Ronald Henss Verlag 2008). Ich kann mit bestem Gewissen behaupten, dass es sich hervorragend als Muttertagsgeschenk eignet.
![]() |
![]() |
Samstag, 21. März 2009
(c)Patricia Koelle
Wäre nicht 80 Jahre zuvor Großtante Erigard wegen eines Unwetters drei Wochen zu früh geboren worden, wären Max und Lea längst geschieden. Denn dann hätte Max an jenem Frühlingsabend nicht zum Briefkasten gehen müssen, um die Glückwunschkarte einzuwerfen. Er wäre nicht in der stillen Straße am Rande der Stadt unterwegs gewesen, in die sich Wildschweine aus dem Wald auf der Suche nach vielversprechenden Mülleimern immer weiter hineinwagten. So aber sah er sich plötzlich einer Bache gegenüber, die Frischlinge führte und daher schnaubend einen Scheinangriff auf ihn startete. Max folgte seinem Instinkt und machte einen Satz rückwärts, wobei er die Straße vergaß. Das war an dieser Stelle normalerweise nicht schlimm, doch ein Lastwagenfahrer, der die Maut umgehen wollte und die enge Seitenstraße wählte, bog gerade in diesem Moment um die Ecke.
Dieser Verkettung unglücklicher Umstände zum Trotz hatte Max Glück gehabt, sagten die Ärzte, großes Glück sogar, und nun bräuchte er noch mehr davon, denn das sei das Einzige, was sie nicht verschreiben könnten. Lea saß im Krankenhaus an seinem Bett und wartete darauf, dass er aufwachte. Wenn er aufwachte! Die Zeit dehnte sich inzwischen wie eine übervolle Filtertüte und Lea fand Erinnerungen darin, die sie vorher nie zur Kenntnis genommen hatte.
Auf dem Rummel hatten sie sich getroffen, damals. Beide hatten sie mit Tennisbällen auf Stapel aus Blechbüchsen geworfen, Lea aus Traurigkeit, weil sie gerade eine Liebe aufgegeben, Max aus Wut, weil er einen Job verloren hatte. Die Wut verhalf ihm dazu, sämtliche Blechbüchsen abzuräumen. Als er bemerkte, dass die Frau neben ihm kein einziges Mal traf, schenkte er ihr den großen gelben Luftballon, den er gewonnen hatte, und den Wäschekorb auch. Aus Höflichkeit musste er ihr den nach Hause tragen, doch vorher füllten sie ihn noch mit anderen Gewinnen, denn Max hatte an diesem Tag seit dem ersten Blick in ihre Augen eine Glückssträhne, weshalb er auch danach Lea nicht mehr aus seinem Leben ließ.
Die unerwartete Liebe wuchs und begann im Licht zu schimmern wie der Ballon, als Max ihn aufgeblasen hatte. Sie leuchtete auch noch drei Jahre später als sie heirateten, und noch lange danach. Doch ohne dass Lea den Zeitpunkt oder einen Grund benennen konnte, war das Leuchten schließlich trübe, verstaubt; die Atemluft reichte im Alltag nicht mehr, um alles am Schweben zu halten, vielleicht war es auch nur Achtlosigkeit, jedenfalls lag das Glück nun seit einer Weile schlaff und matt in einer Ecke. Als hätte der Ballon längst ein Loch und nur die allerletzte Luft wolle nicht weichen, so dass man ihm vor dem Wegwerfen noch eine Gnadenfrist einräumte, wegen der Gedanken an vergangene helle Tage, die daran hingen.
Beide hatten sie vergessen, warum Nähe sich lohnte. Doch was, wenn sie nie wieder Max’ Stimme hören würde, erschrak Lea jetzt. Die Art, wie er jeden Satz mit einem kleinen Räuspern begann war ihr in letzter Zeit zunehmend auf die Nerven gegangen, aber nun wusste sie, dass dieses Geräusch für ihr Leben unverzichtbar war, ebenso wie die Schatten in seinen Armbeugen und das kleine Lachen, dass ihm manchmal im Schlaf entwischte und für das er nie eine Erklärung hatte.
Sie war noch da, dachte Max, als er das Bewusstsein wiederfand und der Anblick ihres Gesichts für eine Weile das Einzige war, an dem er sich festhalten konnte. Die Verlegenheit manchmal in ihren Augen, die ihn auch nach so vielen Jahren noch berührte, wenn sie sich ansahen, auch ihre lästige Angewohnheit, schmutzige Hemden neben den alten Wäschekorb zu werfen, statt ihn auszuleeren: er konnte ohne beides nicht leben, erkannte er in der Lücke zwischen zwei Atemzügen.
Es blieben Abgründe, bis Max wieder sprechen und endlich stehen konnte. Tagelang waren sie dem gnadenlosen Licht der Neonröhren ausgeliefert und sehnten sich nach Himmel, der ihnen von nun an stets als blaues Wunder erscheinen würde.
Der Spätfrühling, in den hinein Max auf Lea gestützt seine ersten unsicheren Schritte machte, erschien kostbarer als alle vorangegangenen erfüllten, unmöglichen und vergessenen Träume: nichts wogen sie gegen eine blühende Narzisse, gegen den Hunger auf Vanilleeis. Alles war neu, für Max, auch für Lea, und vor allem für ihre Zweisamkeit. Zusammen begegneten sie Dingen, die vorher schon dagewesen sein mussten, und sie trauerten gemeinsam darüber, dass sie sie verschwendet hatten.
Als sie die Klinik endgültig verließen, nahmen sie für immer Angst mit und zwei Krücken, auf die Max angewiesen sein würde. Jeder Tag war von nun an für beide Wagnis und Reise ins Ungewisse, niemand wusste, wie viele davon übrig waren. Max würde angeschlagen bleiben, manches war vernarbt, anderes eingeschränkt. Doch sie hatten auch gewonnen. Erst mit der Zeit bemerkten sie es: Das Leuchten war zurückgekehrt, wenn auch anders, dichter noch und seltsam umfassender, voller Weite und Versprechen. Ja, so deutlich und greifbar war es, dass auch andere es bemerkten, Freunde, Bekannte, selbst Passanten. Die frische und doch wissende Zärtlichkeit unwillkürlicher Berührungen, ob sie allein waren oder nicht, die Blickwechsel, die jedem Außenstehenden die Tatsache vor die Füße warf, dass hier etwas Besonderes im Gange war, an dem kein andere teilhatte, weckten Verwunderung und den Neid mancher. Andere fühlten sich seltsam angezogen und suchten die Nähe zu dem Paar, das offenbar auf ein Geheimnis gestoßen war, in der Hoffnung, dies möge abfärben.
Es war die verlorene Selbstverständlichkeit, die den Zauber ausmachte. Diese Erkenntnis kam Lea blitzartig, als sie in der Warteschlange beim Bäcker feststellte, dass immer mehr Frauen sich die Augenbrauen rasierten und an höherer Stelle und übertrieben gebogen wieder anmalten, so dass sie dauerhaft erstaunt aussahen. Lea hatte das nie verstanden, doch nun überlegte sie, ob diese Menschen beim Blick in den Spiegel daran erinnert werden wollten, dass alles in Frage zu stellen war. Lea selbst brauchte nicht in den Spiegel zu sehen, um den Schatten wahrzunehmen, der seit der Begegnung mit Max’ möglichem Tod allgegenwärtig blieb und das Licht umso heller erscheinen ließ. Alles war gläsern, durchscheinend, zerbrechlich geworden, aber dadurch klar, beglückend und beängstigend schön, vor allem die Zeit und jedes Erlebnis, dass sie barg. Die diesmal noch vorübergehende Nähe des Todes hatte sich in ihrer beider Leben geprägt wie ein Wasserzeichen auf feinem Schreibpapier, kaum sichtbar und doch unauslöschlich gegenwärtig. Das war das Geheimnis. Lea und Max sehnten sich nie wieder nach unerreichbaren exotischen Stränden, weil ihnen das Wunder einer Palme um nichts mehr größer erschien als das des ersten Schneeglöckchens. Natürlich gab es nach wie vor Gewitter zwischen ihnen, aber der Donner rüttelte sie auf und die Blitze erhellten, was sie andernfalls übersehen hätten. Nichts plätscherte mehr gleichgültig dahin. Die erstaunte Zufriedenheit mit den Augenblicken, die sie teilten, schmeckte zutiefst nach Sommer und, aller Furcht zum Trotz, nach Ewigkeit. Der unverhoffte Einklang, den sie bei jeder Berührung und jedem Blickwechsel spürten, war ihnen Höhenflug und erschütternde Musik, der nachzulauschen sie nicht müde wurden.
Wenn man sie fragte, welches Wundermittel ihr Glück jung gemacht hatte, fanden sie keine Worte dafür. Es war nichts, was man mit Nachbarn teilen konnte oder in Einmachgläsern verschenken. Sollten sie ihre Freunde bei Rot über die Ampel schicken? Menschen sprangen an Gummiseilen von Brücken, andere an Fallschirmen aus Flugzeugen. Doch die plötzliche bodenlose Angst, alles könne zu Ende sein, konnte niemand fälschen.
„Wir hatten eben Wildschwein“, sagte Max dann, und Lea lächelte ihn an und legte einen Finger in den warmen kleinen Schatten seiner Armbeuge.
Donnerstag, 19. März 2009
Die beste Karte (eine Frühlingsgeschichte)
Die beste Karte (Frühlingsgeschichte)
(c) Patricia Koelle
Es war Ende März. Aus einem reglosen milchweißen Himmel fiel neuer Schnee auf alten, und Krokusknospen waren mitten beim Luft holen zu Ausrufezeichen erstarrt.
Frank warf triumphierend den Kreuz Buben auf das Karo As. „Fuchs gefangen! Im letzten Stich!“
Das war Glück gewesen. Er konnte sich heute nicht konzentrieren. Die Standuhr an der Wand gegenüber hielt ihm gnadenlos vor die Nase, dass die Stunden verpufften. Ihm blieben nur wenige, um sich für den Ort zu entscheiden, dem er möglicherweise den Rest seines Lebens anvertrauen würde.
„Schon wieder“, brummte Rudi aus seinem Rollkragenpullover heraus und fing missmutig an, die Punkte zu zählen.
„Dieses Jahr hört der Winter nicht auf“, stöhnte Nadine. „Man müsste an einem Palmenstrand liegen. Stattdessen spielen wir ewig Doppelkopf und quälen uns auf dem Heimweg durch Berge von Matsch und grauem Granulat, in dem man erst recht ausrutscht und das man nachher aus seinen Stiefeln kratzen muss.“
„A propos Palmen“, sagte Rudi und mischte die Karten neu, „was ist nun mit dem Angebot, Frank?“
Frank warf Nadine einen ärgerlichen Seitenblick zu. Der Winter war tatsächlich lang gewesen wie Kaugummi, und erschütternd kalt. Trotzdem wollte er nicht an Palmen denken. Rudis Frage missfiel ihm. Er hatte das Problem verjagen wollen wie eine aufdringliche Mücke, obwohl er bis morgen um sieben Uhr eine Antwort finden musste. Nicht nur Rudi wollte sie hören, sondern vor allem der Chef. Keiner von beiden würde sich in Luft auflösen.
Er versuchte, sich die Palmen vorzustellen, einen weichen Strand, sanfte Luft. Aber das Bild verschwamm sofort wieder.
An seiner Stelle tauchte Janas Gesicht auf, Jana, die im Nachbarhaus aufgewachsen war, Jana, die ihm heute wie jeden Morgen seine Bananen verkauft, Jana, mit der ihn nie mehr verbunden hatte als Kameradschaft. Frank hatte drei Beziehungen hinter sich, keine davon mit Jana. Das konnte er sich noch nicht einmal vorstellen. Aber es gehörte zu seinem Leben, dass er über die Jahre verfolgen konnte, wie sich die Lachfalten in ihren Augenwinkeln vermehrten und in Richtung ihrer Grübchen aufmachten. Die ersten hatte sie schon mit dreizehn gehabt. Er fühlte sich sicher, solange diese Strahlen am Rande seines Lebens gegenwärtig waren.
Diese Begründung allerdings wollte er Rudis Spott nicht zum Fraß vorwerfen. Vom Chef ganz abgesehen.
„Was für ein Angebot?“ fragte Kai und verteilte die Karten.
„Na, Franks Chef will ihn doch nach Florida beordern, um seine neue Zweigstelle zu führen. Und der Verrückte da denkt wirklich noch darüber nach, anstatt nach dem Köder zu schnappen wie ein hungriger Barsch nach dem Regenwurm.“
„Wenn ich ablehne, bedeutet das nichts Gutes für meine Zukunft“, sagte Frank und starrte düster auf die vier Asse in seiner Hand. „Er wird mich auf irgendeinen unbedeutenden Posten abschieben. Der konnte es noch nie ertragen, wenn jemand Nein zu einem seiner Vorschläge gesagt hat, und sei es nur, den Lieferanten der Kugelschreiber zu wechseln.“
„Aber er scheint eine Menge von dir zu halten“, sagte Kai. „Frank, das ist eine Riesenchance. Du bist gesund, im besten Alter und gerade solo. Was hält dich hier?“
Nichts, was ich so einfach erzählen könnte, dachte Frank.
Nadine stupste ihn mit dem Ellenbogen an. „Du musst Herz bedienen“, sagte sie.
„Menschenskind“, polterte Rudi, „Wie kannste da überhaupt nachdenken? Jeden Winter muss ich den Flug nach Thailand teuer bezahlen, ewig im Flieger sitzen, nur um ein paar läppische Wochen nicht zu frieren und mir die verdienten Massagen zu gönnen. Mensch, du könntest in der Sonne leben. Ich würde überallhin gehen, wo es keinen solchen dreckigen Winter gibt.“
„Bekommst du mehr Gehalt dafür?“ fragte Nadine.
„Na klar bekommt er mehr Gehalt“, sagte Rudi. „Der Job ist wie ein gewonnener Trumpf-Solo! Hast du nun Herz oder nicht?“
Frank legte eine Herz Zehn auf den Tisch. Er musste es tun, er hatte sie blank.
„Soviel hättest du nicht geben müssen, ich steche sowieso“, sagte Nadine und legte eine Kreuz Dame mitten darauf. Von der Herz Zehn war nur noch die Null zu sehen.
„So wie ich das sehe, gibt es außer deiner Trägheit keinen vernünftigen Grund, abzulehnen“, stellte Kai fest.
„Stimmt“, sagte Frank. Einen vernünftigen Grund gab es wirklich nicht.
Und er war ein vernünftiger Mensch. Seine Eltern hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass nur vernünftige Menschen eine Daseinsberechtigung haben.
Dass ihn Palmen nicht die Bohne interessierten, weil er jedes Jahr dem ersten Schneeglöckchen entgegenfieberte und diese winzige zärtliche Erwartung nicht missen mochte, war kein vernünftiger Grund, und auch keiner, der für jemanden wie Rudi oder den Chef mehr als Zigarettenasche bedeuten würde, die man achtlos abstreifen kann.
Aber wie konnte er das Land verlassen, in dem er als Vierjähriger bäuchlings auf einem Heidschnuckenfell, dass seine Großmutter aus der Lüneburger Heide mitbrachte und das er für den Inbegriff alles Exotischen hielt, gelegen und ein Ost- und ein Westsandmännchen gesehen hatte? Er hatte gedacht, die Träume kämen nicht, wenn nicht beide bei ihm gewesen wären. Ein Land, dessen vorübergehende Zerrissenheit durch eine Mauer, die für die einen tödlich war und an der andere kurzerhand ihre Gartengeräte aufhingen, er erst viel später begriffen hatte, und in dem er sich doch jederzeit ganz und geerdet fühlte.
Ein frisches Graubrot hatte damals genau eine Mark gekostet. Er fühlte sich erwachsen, als seine Mutter ihm das erste Mal eine solche Mark anvertraute und ihn allein zum Bäcker schickte. Es gab einen Keks umsonst vom Verkäufer, und den Geruch einer Welt, die ihre Ordnung hatte und schmeckte. Auf dem Heimweg biss er von der noch warmen, dampfenden Kruste ab.
Inzwischen gab es die Mark nicht mehr, und sie hätte auch nicht mehr für einen ganzen Brotlaib gereicht, aber der Geruch hatte sich nicht geändert; und Frank fragte sich, ob er im Gegensatz zu damals, als er sich so groß fühlte, nicht wieder kleiner würde, wenn er ihn gegen irgendeinen südlichen Duft eintauschte.
„Ihr habt verloren“, sagte Kai und betrachtete zufrieden den Stapel Stiche vor sich.
„Will jemand noch’n Kaffee?“ fragte Nadine.
„Danke“, sagte Frank und schob den Stuhl zurück. „Ich muss gehen.“
„Werden wir wohl in Zukunft Skat spielen müssen, wenn wir nur noch zu dritt sind“, sagte Rudi.
„Werdet ihr wohl“, sagte Frank und schloss langsam die Tür hinter sich. Rudi tat ihm schmerzhaft leid. Er würde weiter jeden Winter nach Thailand flüchten und irgendwann achtzig werden, ohne jemals beglückt vor einem Schneeglöckchen zu stehen. Nie würde er an einem Spätsommerabend andächtig die Grillen belauschen. Er nahm sie nicht wahr.
Grillen gab es auch in Florida, aber sie hatten andere Stimmen.
Stimmen ohne Erinnerungen.
Frank schlief in dieser Nacht nicht. Er saß mit einer Tasse Kakao im tröstlichen Lichtkreis seiner Stehlampe aus Studienzeiten und jagte seine Gedanken erfolglos auf die Suche nach einem vernünftigen Grund. Alles, was ihm einfiel, war ein Urlaub auf einer Nordseeinsel. Gab es ein anderes Land mit einer Küste, an der täglich das halbe Meer ausatmete und verschwand und man zwischen lebendigen Muscheln und Seeanemonen von Insel zu Insel wandern konnte?
Oder das Wochenende an der Ostsee, an dem sich der Himmel bei Sonnenuntergang grün färbte und am Morgen einer besonderen Wetterlage wegen die Küste Dänemarks auf dem Kopf stehend am Horizont spiegelte?
Er seufzte und stellte sich das Leben in Florida vor. Gewiss würde es ihm dort nicht wie hier im letzten August passieren, dass man ihn auf einer Geschäftsreise als einzigen Gast in einem Burghotel einquartierte, wo das Personal ihn vergaß und abends einschloss. Am Morgen hatte er Zeit, alles in Ruhe zu untersuchen, sich als Burgherr zu fühlen und in der geheimnisdunklen Küche ein Frühstück zusammenzusuchen, ehe ihn jemand befreite.
Dann waren da die Dezember, zuhause, wenn die Häuserblocks ihre aufrechte Hässlichkeit verleugneten und die stolz übertriebenen Lichter in allen Fenstern eine seltsame Wärme in die schmutzige Stadtkälte warfen.
Nein. Nichts davon war vernünftig. Vernünftig waren Palmen, eine interessante berufliche Zukunft und ein gutes Gehalt.
„Eine kluge Entscheidung!“ lobte Franks Vater am nächsten Tag durchs Telefon.
Der Chef war nicht überrascht von Franks Zusage. Er kannte nur den gewandten Manager mit Bügelfalten, nicht den Frank, der das erste glühende Herbstblatt mit einem kindlichen Freudenhüpfer begrüßte oder einen heimlichen Dialog mit einem schiefen Schneemann führte. Er hatte nie in Betracht gezogen, dass der ablehnen würde. Er hielt das Ticket schon bereit.
Frank packte, vermietete seine Wohnung ab dem nächsten Quartal und verabschiedete sich von Jana. Von ihren Lachfalten konnte er sich nicht verabschieden. Sie zeigten sich nicht, als sie ihn ansah.
Er stand auf dem Flughafen und wartete darauf, dass er der blau uniformierten Dame sein Ticket zeigen durfte. Vor dem Fenster landeten brausend Maschinen, sogen Menschen ein und machten sich wieder auf. Er dachte an die steilen Treppen, die früher an die Flugzeugtüren gerollt wurden. Sie wirkten, als führten sie direkt in den Himmel. Als Kind hatte er jeden Schritt darauf voll Ehrfurcht getan und befürchtet, zwischen den offenen Stufen heruntergeweht zu werden.
Das Schönste an Reisen waren jedes Mal die vertrauten Reihen von blauen Lichtern auf der Landebahn, die den Weg wiesen, wenn er heimkehrte.
Und die Frage aufwarfen, warum er fort gewesen war.
Die blaue Dame nahm ihm die Koffer ab, als wären sie leicht. Auf dem Tresen stand ein kleiner Kuchen mit einer Kerze darauf und eine Vase mit Blumen. Zwischen einer Margerite und einer Narzisse blickte schmal ein Schneeglöckchen hervor.
„Haben Sie Geburtstag?“ fragte Frank.
„Ja. Ihr Ticket, bitte!“
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Frank. „Bitte geben Sie mir meine Koffer wieder!“
Egal, welchen Trumpf der Chef in der Hand hatte, Frank war sich auf einmal todsicher. Er spielte auf der Seite der blauen Lichter und würde die ganz eigene beste Karte, seine Heimat, bestimmt nicht abwerfen.
---------
Wer noch mehr Geschichten lesen möchte, findet sie in meinem Buch "Die Füße der Sterne".
Ich wünsche einen schönen Frühling....



